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In einem kleinen Königreich, das hoch oben auf den sanften Hügeln von Grünwald lag, lebte ein kleiner Junge namens Max. Max war kein gewöhnlicher Junge; er war ein Ritter. Er besaß eine glänzende Rüstung, die im Sonnenlicht funkelte, einen Helm mit einem prächtigen roten Federbusch und ein Holzschwert, das er jeden Morgen sorgfältig polierte. Max war flink, er konnte am schnellsten von allen Kindern auf Bäume klettern und er wusste alles über die Sterne. Doch Max hatte ein Geheimnis, das er unter seinem schweren Brustpanzer verbarg: Er hatte schreckliche Angst vor Drachen.
Jede Nacht, wenn der Mond groß und rund über dem Schloss stand, kuschelte sich Max in seine weichen Decken und träumte von riesigen, feuerspeienden Ungeheuern mit scharfen Krallen und Augen so groß wie Wagenräder. In den alten Büchern der Schlossbibliothek hieß es, Drachen seien wild und gefährlich. „Ein wahrer Ritter darf keine Angst haben“, sagte sich Max oft und versuchte, seine Knie am Zittern zu hindern, wenn im Wald ein Ast knackte.
Eines sonnigen Dienstags passierte etwas Ungewöhnliches. Ein lautes Schniefen hallte durch das Tal, gefolgt von einem Geräusch, das wie ein donnerndes Niesen klang. Die Dorfbewohner liefen aufgeregt zusammen. „Ein Drache!“, rief der Bäcker. „Er ist in der alten Bärenhöhle am Waldrand!“ Die Menschen verriegelten ihre Türen und Fenster. Der König rief nach seinen tapfersten Rittern, doch die waren alle gerade auf einem Turnier im Nachbarland. So blieb nur der kleine Max.

Mit klopfendem Herzen und zittrigen Händen zog Max seine Rüstung an. Er wollte nicht gehen, aber er wusste, dass er sein Dorf beschützen musste. „Vielleicht ist er gar nicht so groß“, flüsterte Max sich selbst zu, während er den schmalen Pfad zum Wald hinaufstieg. Das Klappern seiner Rüstung war das einzige Geräusch in der unheimlichen Stille.
Als er die Bärenhöhle erreichte, sah er keinen Rauch und hörte kein Brüllen. Stattdessen hörte er ein leises, trauriges Schluchzen. Vorsichtig lugte Max um einen großen Felsen. Dort saß kein riesiges Ungeheuer, sondern ein Drache, der kaum größer als ein Pony war. Er hatte schimmernde, smaragdgrüne Schuppen und goldene Flügel, die schlaff herunterhingen. Der Drache hielt sich seine linke Tatze und dicke, glitzernde Tränen rollten über seine Schnauze.
Max vergaß für einen Moment seine Angst. „Hallo?“, rief er mit dünner Stimme. Der Drache erschrak so sehr, dass er einen kleinen Purzelbaum rückwärts machte und eine winzige Rauchwolke aus seinen Nüstern stieß. „Bitte tu mir nichts, kleiner Ritter!“, piepste der Drache. Max blinzelte überrascht. „Du hast Angst vor mir? Aber ich bin derjenige, der Angst vor dir haben sollte! Du bist ein Drache!“

Der kleine Drache, der sich als Barnabas vorstellte, schniefte laut. „Ich bin in einen Dornenbusch getreten und jetzt tut mein Fuß so weh. Und ich habe mich verflogen. Die Menschen sind so laut und gruselig mit ihren glänzenden Blechanzügen.“ Max musste lächeln. Er sah auf seine eigene Rüstung und erkannte, dass Barnabas ihn genauso fürchtete wie er den Drachen. „Das ist kein Blechanzug, das ist eine Ritterrüstung“, erklärte Max sanft. Er legte sein Holzschwert beiseite und trat näher. „Lass mich mal sehen.“
Ganz vorsichtig untersuchte Max die Tatze des Drachen. Tatsächlich steckte dort ein großer, spitzer Dorn. Mit einem schnellen Ruck zog Max den Dorn heraus. Barnabas quiekte kurz auf, aber dann leuchteten seine Augen vor Erleichterung. „Danke, Ritter Max! Du bist der mutigste Mensch, den ich je getroffen habe.“
Max spürte, wie sein Herz vor Stolz anschwoll. Er war nicht mutig gewesen, weil er keine Angst hatte, sondern weil er trotz seiner Angst geholfen hatte. „Komm mit mir ins Dorf, Barnabas. Ich zeige den Leuten, dass du friedlich bist.“ Zuerst zögerte der kleine Drache, doch er vertraute seinem neuen Freund. Hand in Tatze spazierten sie den Hügel hinunter.
Als die Dorfbewohner den Drachen sahen, wollten sie zuerst weglaufen, doch Max hob die Hand. „Haltet ein! Das ist Barnabas. Er braucht unsere Hilfe und er ist sehr freundlich.“ Die Menschen beobachteten staunend, wie Barnabas den Kindern half, ihre Drachen steigen zu lassen, indem er sanft warme Luft in den Himmel pustete. Am Abend half er dem Bäcker sogar, den großen Ofen anzuheizen, ohne dass dieser mühsam Holz hacken musste.
Max und Barnabas wurden unzertrennliche Freunde. Max lernte, dass man Dinge nicht verurteilen sollte, nur weil sie in alten Büchern als gefährlich beschrieben werden. Er trug seine Rüstung immer noch mit Stolz, aber sein Holzschwert brauchte er kaum noch. Stattdessen trug er jetzt immer ein kleines Päckchen mit Heilsalbe bei sich – man wusste ja nie, wann ein Drache mal wieder in einen Dornenbusch trat. Und wenn Max heute an Drachen dachte, zitterten seine Knie nicht mehr. Er lächelte einfach, denn er wusste: Die größten Ängste verbergen oft die wunderbarsten Freundschaften.
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