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Hoch oben, wo die Gipfel der Alpen so spitz sind, dass sie den Bauch des Himmels kitzeln, gibt es ein Geheimnis. Wenn man ganz genau hinsieht, dort, wo der Nebel am dichtesten tanzt, erkennt man die silbernen Schornsteine der geheimen Wolkenfabrik. Es ist kein gewöhnliches Gebäude aus Stein und Ziegeln. Die Fabrik besteht aus erstarrtem Mondlicht und fest geklopftem Schnee, und sie schwebt sanft auf einer Plattform aus ewigem Eis.
In dieser Fabrik arbeiten die Wolkenmacher. Das sind winzige Wesen, kaum größer als ein Pinienzapfen, mit flinken Fingern und leuchtenden Augen. Einer von ihnen hieß Lumi. Lumi trug stets eine Mütze, die aussah wie eine umgedrehte Glockenblume, und seine Aufgabe war es, die 'Feinheiten' zu gestalten. Während die älteren Wolkenmacher wie der brummige, aber herzensgute Barnabas für die großen, schweren Regenwolken zuständig waren, liebte Lumi die Formgebung.
„Heute ist ein Schäfchen-Tag!“, rief Barnabas durch die weite Halle, in der riesige Maschinen leise schnurrten. Diese Maschinen hießen 'Wattebausch-O-Maten'. Man fütterte sie mit gefiltertem Bergbachwasser und einer Prise Sternenstaub, und oben kamen dicke, weiße Flocken heraus, die so weich waren, dass man darin hätte schlafen können.
Lumi stand an seinem Werktisch. Vor ihm schwebte ein frischer Klumpen Roh-Wolke. Mit einem silbernen Kamm zupfte er die Ränder zurecht. Er arbeitete konzentriert. Zuerst formte er vier kleine Beinchen, dann einen runden Körper und schließlich einen Kopf mit zwei lustigen Schlappohren. Ein sanfter Puststoß aus einem goldenen Röhrchen, und das Wolkenschäfchen begann, leise zu blöken – ein Geräusch, das wie das ferne Läuten von Kuhglocken klang.

„Wunderschön, Lumi“, sagte Barnabas und klopfte ihm auf die Schulter. „Aber vergiss nicht, wir haben heute einen Großauftrag für das Tal. Die Kinder dort unten warten auf etwas Besonderes.“
Lumi blickte durch das große Kristallfenster der Fabrik hinunter in die Welt der Menschen. Tief unten im Tal lag ein kleines Dorf. Dort lebte ein Junge namens Leo. Leo war heute traurig, denn er hatte sich das Knie aufgeschlagen und konnte nicht mit den anderen Kindern auf der Wiese spielen. Er saß am Fenster und starrte in den grauen Himmel.
„Ich werde ihm etwas schicken, das seinen Kummer vertreibt“, beschloss Lumi. Er nahm einen besonders großen Brocken Wolkenmasse. Doch diesmal wollte er kein gewöhnliches Schaf machen. Er wollte einen Drachen. Aber keinen furchteinflößenden Drachen, sondern einen Glücksdrachen.
Lumi arbeitete schneller als je zuvor. Er formte einen langen, geschmeidigen Körper und breite Flügel, die so fein waren, dass das Sonnenlicht durch sie hindurchscheinen konnte wie durch feines Porzellan. Er mischte ein wenig 'Abendrot-Pulver' unter die Masse, sodass die Ränder des Drachen in einem sanften Rosa und Gold schimmerten. Zum Schluss gab er dem Drachen ein Herz aus reinem Bergkristall-Licht.

„Ein Wolkendrache?“, fragte Barnabas erstaunt. „Das ist gewagt, kleiner Lumi. Wird er fliegen?“
„Er wird fliegen, weil er eine Mission hat“, antwortete Lumi entschlossen. Er trug den Drachen zur Startrampe, einem langen Balkon aus blauem Glas, der direkt über den Abgrund ragte. Mit einem sanften Schubs entließ er sein Kunstwerk in die Freiheit. Der Wolkendrache entfaltete seine Flügel. Zuerst taumelte er ein wenig im Aufwind, doch dann fing er die Thermik ein und segelte majestätisch hinab in Richtung des Dorfes.
Unten im Tal sah Leo gerade zu, wie die Sonne langsam hinter den Tannen versinken wollte. Plötzlich riss die graue Wolkendecke auf. Und da sah er ihn: Ein riesiger, leuchtender Drache schwebte direkt über seinem Haus. Der Drache schien mit dem Schwanz zu wedeln und vollführte einen Purzelbaum in der Luft. Leo riss die Augen weit auf. Seine Schmerzen am Knie waren im Nu vergessen.
„Mama, schau mal! Ein Drache! Ein echter Wolkendrache!“, rief er begeistert. Seine Mutter kam ans Fenster und lächelte. „Das ist ja unglaublich. Er sieht aus, als würde er nur für dich tanzen.“
Oben in der Fabrik beobachtete Lumi die Szene durch ein Fernrohr aus geschliffenem Eis. Er sah, wie Leo lachte und gegen die Scheibe winkte. Ein warmes Gefühl breitete sich in Lumis kleiner Brust aus. Er wusste jetzt, dass seine Arbeit in der Wolkenfabrik viel mehr war als nur das Bedienen von Maschinen. Es war das Herstellen von Träumen.
In dieser Nacht produzierten Lumi und Barnabas noch hunderte von Herz-Wolken, die sich über das ganze Land verteilten. Als der Mond aufging und die Fabrik in ein kühles Blau tauchte, legte sich Lumi in sein eigenes Bett aus weichster Federwolke. Er lauschte dem Pfeifen des Windes um die Alpengipfel und wusste: Morgen würde er einen Elefanten formen, der mit den Ohren wackeln konnte. Denn irgendwo da unten wartete sicher schon das nächste Kind auf ein Wunder am Himmel.
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