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Es war einmal, mitten im tiefsten Winter, als die Schneeflocken wie Federn vom Himmel fielen. In einem prächtigen Schloss saß eine Königin und nähte. Sie bekam ein Töchterchen, das so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz war. Sie nannten sie Schneewittchen. Doch Schneewittchen besaß eine Gabe, die weit über ihr Aussehen hinausging: Ihr Herz war so gütig, dass sogar die Vögel im Garten verstummten, um ihrem Lachen zu lauschen. Sie sah das Schöne in jedem Grashalm und in jedem noch so kleinen Käfer.
Nach einigen Jahren bekam Schneewittchen eine Stiefmutter. Diese Königin war stolz und hochmütig und konnte es nicht ertragen, dass jemand schöner sein sollte als sie. Sie besaß einen magischen Spiegel, den sie jeden Morgen fragte: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Und lange Zeit antwortete der Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier.“ Doch Schneewittchen wuchs heran und ihre innere Herzlichkeit ließ sie von Tag zu Tag mehr strahlen. Eines Tages sagte der Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“
Die Königin erschrak und ihr Herz wurde gelb und grün vor Neid. In ihrer Wut befahl sie einem Jäger, Schneewittchen tief in den Wald zu führen, damit sie nie wieder zurückkehrte. Der Jäger aber hatte Mitleid mit dem freundlichen Mädchen. „Lauf fort, liebes Kind“, flüsterte er, „und komm nie wieder zum Schloss zurück.“
Ganz allein stand Schneewittchen nun im riesigen, dunklen Wald. Die Bäume schienen ihre Äste wie lange Finger nach ihr auszustrecken. Doch als sie weinte, spürte sie plötzlich eine feuchte Nase an ihrer Hand. Ein kleines Reh stand neben ihr, und ein Eichhörnchen hüpfte mutig auf ihre Schulter. Die Tiere spürten Schneewittchens Sanftmut und hatten keine Angst. Sie führten das Mädchen tiefer in den Wald, bis sie zu einer winzigen Lichtung kamen. Dort stand ein kleines Häuschen mit einem Dach aus Moos und Fenstern, die so hell glänzten wie polierte Kieselsteine.

Schneewittchen klopfte an, doch niemand antwortete. Vorsichtig trat sie ein. Drinnen war alles winzig, aber unendlich ordentlich. Es gab einen kleinen Tisch mit sieben kleinen Tellern, sieben kleinen Löffeln und sieben kleinen Bechern. An der Wand standen sieben kleine Bettchen. Schneewittchen war so müde, dass sie sich in das siebte Bettchen legte und sofort einschlief.
Als es dunkel wurde, kamen die Herren des Hauses nach Hause. Es waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Gold und Edelsteinen gruben. Sie hießen Purzel, Brummbär, Schlafmütze, Sonnenschein, Schlaukopf, Zappel und Pünktchen. Als sie die Kerzen anzündeten, sahen sie, dass jemand in ihrem Haus gewesen war.
„Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“, fragte Purzel.
„Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?“, wunderte sich Brummbär.

Doch als sie zum siebten Bett kamen, entdeckten sie das schlafende Mädchen. Sie hielten ihre Laternen hoch und staunten. „Ei, was ist das Kind so schön!“, riefen sie leise. Sie ließen sie schlafen, denn sie sahen den Frieden in ihrem Gesicht.
Am nächsten Morgen erwachte Schneewittchen und erschrak erst vor den sieben kleinen Männern. Doch Sonnenschein lächelte sie an und fragte: „Wie heißt du?“ Schneewittchen erzählte ihnen ihre traurige Geschichte. Die Zwerge, die eigentlich lieber unter sich blieben, spürten sofort, dass dieses Mädchen eine ganz besondere Seele hatte. „Willst du bei uns bleiben?“, fragte Schlaukopf. „Du kannst uns helfen, das Haus gemütlich zu halten, und wir passen auf dich auf. Wahre Schönheit muss beschützt werden.“
So begann eine wunderbare Zeit. Schneewittchen lernte, dass Familie nicht nur aus den Menschen besteht, mit denen man verwandt ist, sondern aus denen, die einen lieben. Sie kochte Suppen, die nach Waldkräutern dufteten, und die Zwerge brachten ihr bei, wie man die Lieder der Steine hört. Jeden Morgen, wenn sie zur Arbeit gingen, sagten sie: „Hüte dich vor Fremden und lass niemanden herein! Deine Herzlichkeit ist dein größter Schatz, aber sie macht dich auch verletzlich.“
Eines Tages verkleidete sich die böse Stiefmutter als alte Marktfrau und schlich zum Häuschen der Zwerge. Sie wollte Schneewittchen einen vergifteten Apfel geben, weil sie immer noch die Schönste sein wollte. Doch als sie durch das Fenster blickte, sah sie etwas, das sie nicht verstand. Schneewittchen saß mit den Tieren des Waldes am Tisch und teilte ihr Brot mit ihnen. Die Liebe und der Friede, die von dem Mädchen ausgingen, waren so stark, dass die böse Königin plötzlich zitterte. In diesem Moment kamen die Zwerge früher als sonst von der Arbeit zurück. Sie sahen die verkleidete Königin und trieben sie mit lautem Geschrei und ihren kleinen Hacken tief in den Wald hinein, bis sie nie wieder gesehen wurde.
Schneewittchen war gerettet. Sie erkannte, dass ihre wahre Kraft nicht in ihrer Krone lag, sondern in den Freunden, die sie gefunden hatte. Die sieben Zwerge und Schneewittchen lebten noch viele Jahre glücklich in ihrem kleinen Haus. Und wenn man heute ganz tief in den Wald geht und ganz leise ist, kann man vielleicht noch immer ihr gemeinsames Lachen hören – ein Lachen, das so schön ist, weil es von Herzen kommt.
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