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Hoch oben über den flauschigsten Wolken, dort wo der Mond nachts seine silbernen Pantoffeln auszieht und die Sterne ihre Laternen putzen, wohnte Barnabas. Barnabas war ein kleiner, rundlicher Mann mit einem Bart, der so weiß war wie frisch geschlagene Sahne. Er trug einen Kittel, der über und über mit bunten Flecken übersät war – Kleckse in Sonnengelb, Tupfen in Meeresblau und Spritzer in Smaragdgrün. Barnabas hatte die wichtigste Aufgabe im ganzen Himmelsreich: Er war der Regenbogenmaler.
Jede Nacht, wenn die Welt unten schlief, holte Barnabas seine sieben großen Tontöpfe hervor. In jedem Topf steckte eine Farbe des Regenbogens. Er hatte einen Pinsel, der so lang war wie eine Pappel und Borsten besaß, die so weich wie Katzenpfoten waren. Mit großer Sorgfalt mischte er die Farben, damit sie am nächsten Morgen, wenn die Sonne durch den Regen blinzelte, hell und klar am Horizont leuchten konnten.
Doch in einer besonderen Nacht geschah etwas Schreckliches. Barnabas öffnete den ersten Topf, den Topf für das prächtige, warme Rot. Er tauchte seinen Pinsel hinein, doch er hörte nur ein trockenes Kratzen. „Das kann nicht sein“, murmelte er und hielt den Topf schief. Ein einziger, winziger Tropfen rollte über den Boden des Gefäßes, dann war es still. Das Rot war alle. Restlos leer.
Barnabas wurde ganz blass. Ohne Rot gab es keinen richtigen Regenbogen. Ohne Rot fehlte dem Orange die Kraft und dem Violett der tiefe Glanz. „Oh weh, oh weh“, klagte er. „Wenn ich heute Nacht nicht male, wird der Himmel morgen grau und traurig aussehen. Die Menschen werden vergessen, wie schön die Farben sind.“
Zur gleichen Zeit saß unten auf der Erde die kleine Mia an ihrem Fenster. Mia liebte die Farben mehr als alles andere. Sie hatte ein Teleskop, mit dem sie oft die Wolken beobachtete. In dieser Nacht sah sie, dass oben im Wolkenreich etwas nicht stimmte. Ein kleiner, bunter Punkt – Barnabas’ Haus – flackerte unruhig. Mia spürte, dass Hilfe gebraucht wurde. Sie wusste, dass es einen geheimen Pfad gab: Wenn man ganz fest an die Magie der Farben glaubte, erschien eine Leiter aus Mondlicht.
Mia schloss die Augen, dachte an das saftige Rot eines Apfels und das warme Rot einer Erdbeere. Und tatsächlich: Ein silberner Schimmer erschien vor ihrem Fenster. Mutig kletterte Mia die Lichtstufen hinauf, immer höher, bis sie die weichen Wolken unter ihren Füßen spürte. Sie lief direkt auf das kleine Haus von Barnabas zu.

„Herr Maler!“, rief sie. „Warum leuchtet Ihr Fenster so schwach?“
Barnabas öffnete die Tür und sah das Mädchen mit den leuchtenden Augen an. „Ach, liebes Kind“, seufzte er. „Mir ist das Rot ausgegangen. Ich habe die ganze Welt bemalt, die Rosen, die Marienkäfer und die Abendsonne, aber nun ist mein Topf leer. Und ohne Rot kann ich den Regenbogen nicht spannen.“
Mia dachte nach. „Aber Rot ist doch überall!“, sagte sie. „Wir müssen es nur wieder einsammeln.“
„Es muss ein lebendiges Rot sein“, erklärte Barnabas traurig. „Ein Rot, das von Herzen kommt.“
Mia lächelte. Sie nahm Barnabas an der Hand und führte ihn an den Rand der Wolke. „Schauen Sie mal dort unten“, sagte sie und zeigte auf ein kleines Haus im Tal. „Dort schläft mein kleiner Bruder. Er hat gestern ein Bild für unsere Mama gemalt – ein großes, rotes Herz, weil er sie so lieb hat. In diesem Herz steckt so viel echte Farbe.“
Barnabas schüttelte den Kopf. „Ich kann dem Jungen doch nicht sein Geschenk stehlen.“

„Das müssen Sie nicht“, erwiderte Mia. „Wahre Farben vermehren sich, wenn man sie teilt.“
Mia kramte in ihrer Tasche und holte einen kleinen, roten Glücksstein hervor, den sie am Fluss gefunden hatte. Dann dachte sie an das Lachen ihrer Mutter und an die Wärme einer Umarmung. Sie legte den Stein in den leeren Tontopf. Barnabas beobachtete staunend, wie der Stein zu glühen begann. Plötzlich stieg ein warmer Duft nach Sommer und Kirschen aus dem Topf auf. Das Rot floss wie flüssige Seide vom Boden des Topfes nach oben, bis er randvoll war. Es war das schönste, tiefste Rot, das Barnabas je gesehen hatte.
„Es ist die Farbe der Liebe und der Freude“, flüsterte der Maler gerührt. „Danke, Mia.“
Mit neuer Energie griff Barnabas zu seinem Pinsel. Er tunkte ihn tief in das frische Rot und zog einen weiten, prächtigen Bogen über das Firmament. Mia half ihm, die anderen Farben daneben zu setzen: das leuchtende Orange, das sonnige Gelb, das frische Grün, das klare Blau, das tiefe Indigo und das zarte Violett. Gemeinsam arbeiteten sie die ganze Nacht, bis der Regenbogen perfekt war.
Als die ersten Sonnenstrahlen die Welt kitzelten, verabschiedete sich Mia. Sie rutschte auf einem Strahl aus purem Gold zurück in ihr Kinderzimmer. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, regnete es leise. Doch dann brach die Sonne durch die Wolken, und am Himmel stand der kräftigste Regenbogen, den die Menschen je gesehen hatten. Das Rot leuchtete so hell, dass alle Leute stehen blieben und lächelten.
Mia wusste, dass Barnabas oben auf seiner Wolke saß und ihr zuwinkte. Und jedes Mal, wenn sie nun ein rotes Ding sah – eine Blume, einen Luftballon oder ein gemaltes Herz –, wusste sie: Die Farben gehen niemals aus, solange es Menschen gibt, die sie mit dem Herzen sehen.
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