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Es war einmal vor langer Zeit, in einem kleinen Dorf am Rande eines tiefen, grünen Waldes, da lebte ein kleines Mädchen. Es war so lieb und freundlich, dass es von jedem im Dorf geliebt wurde. Doch am meisten liebte sie ihre Großmutter, die ihr einst eine kleine Kappe aus rotem Samt geschenkt hatte. Weil dem Mädchen das Käppchen so gut stand und es nichts anderes mehr tragen wollte, nannten es alle im Dorf nur noch ‚Rotkäppchen‘.
Eines sonnigen Morgens rief die Mutter Rotkäppchen zu sich in die Küche. „Komm her, mein Kind“, sagte sie und reichte ihr einen geflochtenen Korb. „Hier ist ein Stück frisch gebackener Kuchen und eine Flasche Wein. Die Großmutter ist krank und schwach, und das wird sie wieder zu Kräften bringen. Aber versprich mir eines: Bleib immer auf dem Weg und geh nicht tief in den Wald hinein. Wenn du vom Pfad abkommst, könntest du stolpern und das Glas zerbrechen, und dann hat die arme Großmutter gar nichts.“ Rotkäppchen nickte eifrig, gab ihrer Mutter einen Abschiedskuss und versprach, vorsichtig zu sein.
Der Weg zum Haus der Großmutter führte mitten durch den Wald. Die Vögel zwitscherten in den hohen Tannen, und das Sonnenlicht tanzte in goldenen Flecken auf dem weichen Moos. Rotkäppchen genoss die kühle Waldluft und den Duft der Kiefernnadeln. Doch sie war noch nicht lange unterwegs, da begegnete ihr der Wolf. Rotkäppchen wusste nicht, was für ein listiges und gefährliches Tier er war, und deshalb fürchtete sie sich nicht vor ihm.

„Guten Tag, Rotkäppchen“, sagte der Wolf mit einer tiefen, aber scheinbar freundlichen Stimme. „Guten Tag, Herr Wolf“, antwortete das Mädchen höflich. „Wo gehst du denn so früh am Morgen hin?“, fragte der Wolf weiter und schnupperte neugierig an dem Korb. „Zur Großmutter. Sie ist krank und ich bringe ihr Kuchen und Wein, damit sie wieder gesund wird.“ Der Wolf überlegte kurz. Er dachte bei sich: „Das zarte Ding wäre ein fetter Bissen für mich, noch besser als die alte Frau. Ich muss es listig anstellen, damit ich beide erwische.“
Er ging ein Stück neben Rotkäppchen her und sagte dann: „Schau nur, Rotkäppchen, siehst du die wunderschönen Blumen dort drüben unter den Bäumen? Die Vögel singen so herrlich, und du gehst so ernsthaft dahin, als ob du zur Schule müsstest. Dabei ist es hier im Wald so lustig und bunt!“ Rotkäppchen sah sich um. Sie sah die blauen Glockenblumen und die gelben Schlüsselblumen, die zwischen den Wurzeln hervorlugten. „Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, freut sie sich bestimmt noch mehr“, dachte sie. Sie vergaß die Warnung ihrer Mutter und lief vom Weg ab, tiefer hinein in das Dickicht.
Während Rotkäppchen Blume um Blume pflückte, rannte der Wolf so schnell er konnte direkt zum Haus der Großmutter. Er klopfte an die Tür. „Wer ist draußen?“, rief die schwache Stimme der Großmutter. „Ich bin’s, Rotkäppchen. Ich bringe dir Kuchen und Wein“, verstellte der Wolf seine Stimme. „Drück nur auf die Klinke“, rief die Großmutter, „ich bin zu schwach, um aufzustehen.“ Der Wolf drückte die Klinke, trat ein, stürzte sich ohne ein Wort auf die arme Frau und verschlang sie. Dann zog er ihr Nachtgewand an, setzte ihre Haube auf, legte sich in das Bett und zog die Vorhänge zu.

In der Zwischenzeit hatte Rotkäppchen so viele Blumen gepflückt, dass sie sie kaum noch tragen konnte. Da fiel ihr die Großmutter wieder ein, und sie eilte zurück auf den Weg. Als sie am Häuschen ankam, wunderte sie sich, dass die Tür offen stand. Ein seltsames Gefühl beschlich sie, doch sie trat ein und rief: „Guten Morgen, Großmutter!“ Aber es kam keine Antwort. Sie trat an das Bett und zog die Vorhänge beiseite. Da lag die Großmutter, die Haube tief im Gesicht, und sah ganz wunderlich aus.
„Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren?“, fragte Rotkäppchen erstaunt. „Dass ich dich besser hören kann“, antwortete der Wolf heiser. „Aber Großmutter, was hast du für große Augen?“, fragte sie weiter. „Dass ich dich besser sehen kann.“ – „Und Großmutter, was hast du für große Hände?“ – „Dass ich dich besser packen kann.“ – „Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul?“ – „Dass ich dich besser fressen kann!“ Kaum hatte der Wolf das gesagt, sprang er aus dem Bett und verschlang auch das arme Rotkäppchen mit einem Satz.
Satt und zufrieden legte sich der Wolf wieder ins Bett, schlief ein und begann so laut zu schnarchen, dass die Fensterscheiben klirrten. Ein Jäger, der gerade am Haus vorbeiging, hörte das laute Schnarchen und dachte: „Wie die alte Frau schnarcht! Ich muss doch sehen, ob ihr etwas fehlt.“ Er trat ein und sah den Wolf im Bett liegen. „Finde ich dich hier, du alter Sünder?“, sagte er. Er wollte gerade sein Gewehr anlegen, da dachte er, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben und sie wäre vielleicht noch zu retten. Also nahm er eine Schere und schnitt dem schlafenden Wolf den Bauch auf.
Schon nach den ersten Schnitten sah er das rote Käppchen leuchten. Mit mutigem Herzen half Rotkäppchen dem Jäger, und bald sprangen sie und die Großmutter unversehrt heraus. „Ach, wie dunkel war es in dem Wolfsbauch!“, rief Rotkäppchen. Obwohl sie gezittert hatte, war sie nun entschlossen, dem Wolf eine Lehre zu erteilen. Sie holte schnell schwere Feldsteine und füllte dem Wolf damit den Bauch. Als der Wolf aufwachte und fliehen wollte, waren die Steine so schwer, dass er einfach umfiel und liegen blieb.
Nun waren alle drei froh. Der Jäger nahm das Wolfsfell mit nach Hause, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, und Rotkäppchen dachte bei sich: „Ich will mein Lebtag nicht wieder vom Weg ablaufen und auf den Rat meiner Mutter hören.“ Von diesem Tag an war sie noch vorsichtiger, aber auch stolz darauf, wie mutig sie dem Jäger geholfen hatte. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
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