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Es war ein goldener Septembermorgen, als die Welt von Ben und Lara noch genau so war, wie sie immer gewesen war. Die beiden waren unzertrennlich. Seit sie im Kindergarten gemeinsam die erste Sandburg gebaut hatten, gab es kein ‚Ben‘ ohne ‚Lara‘ und keine ‚Lara‘ ohne ‚Ben‘. Sie hatten einen geheimen Handschlag, den nur sie beherrschten, und sie teilten sich jeden Tag ihre Pausenbrote. Lara mochte die Kruste nicht, und Ben liebte sie – es war die perfekte Freundschaft.
In der Schule saßen sie nebeneinander in der dritten Reihe. Wenn Frau Honig, ihre Lehrerin, eine Aufgabe stellte, flüsterten sie sich die Antworten zu, bevor sie die Hände hoben. Sie waren wie zwei Puzzleteile, die genau ineinanderpassten. Doch an diesem Dienstagmorgen änderte sich etwas. Frau Honig betrat das Klassenzimmer nicht allein. Neben ihr stand ein Junge mit einer runden Brille und einem Rucksack, auf dem ein großer, grüner Tyrannosaurus Rex prangte.
„Das ist Elias“, sagte Frau Honig lächelnd. „Er ist neu in unserer Stadt und wird ab heute in unsere Klasse gehen. Wer möchte ihm in der Pause alles zeigen?“
Lara, die Dinosaurier über alles liebte, streckte ihren Arm so schnell in die Höhe, dass ihr Zopf wippte. „Ich!“, rief sie begeistert. Ben sah sie überrascht an. Normalerweise besprachen sie solche Dinge zuerst. Aber Lara strahlte Elias bereits an. „Ich habe auch ein Buch über die Kreidezeit zu Hause!“, sagte sie zu dem neuen Jungen.
In der großen Pause wartete Ben wie gewohnt am alten Klettergerüst. Das war ihr Treffpunkt. Er hielt seinen Apfel fest und hielt Ausschau nach Laras gelber Jacke. Doch Lara kam nicht allein. Sie lief lachend neben Elias her und fuchtelte wild mit den Armen, während sie ihm von dem großen Skelett im Naturkundemuseum erzählte.
„Hey Ben!“, rief sie, als sie näher kamen. „Elias weiß alles über den Spinosaurus! Wusstest du, dass er größer war als der T-Rex?“

Ben zuckte die Achseln. „Vielleicht“, murmelte er. Er fühlte sich plötzlich seltsam. Es war, als hätte jemand eine kleine, graue Wolke direkt über seinem Kopf platziert. Den Rest der Pause hörte er nur zu, wie Lara und Elias Fachbegriffe austauschten, die er kaum verstand. Er fühlte sich wie ein Zuschauer bei seinem eigenen Lieblingsspiel.
In den nächsten Tagen wurde es nicht besser. Lara verbrachte jede freie Minute mit Elias. Sie malten gemeinsam Dinos in der Bastelecke, und beim Sportunterricht wählte Lara Elias zuerst in ihre Mannschaft. Ben stand daneben und spürte einen dicken Kloß im Hals. War er nicht mehr Laras bester Freund? Hatte Elias ihn einfach ersetzt?
Am Donnerstag saß Ben allein auf der Bank und beobachtete die beiden. Er war wütend. Er war traurig. Und am meisten war er enttäuscht. Als Lara später zu ihm kam und fragte: „Ben, spielst du mit uns Fangen?“, antwortete er nur barsch: „Nein, spiel doch mit deinem neuen Super-Dino-Freund.“
Lara sah ihn traurig an, sagte aber nichts und ging zurück zu Elias. Ben verbrachte den Nachmittag allein in seinem Zimmer. Er versuchte, mit seinen Autos zu spielen, aber es machte keinen Spaß. Ohne Laras Kommandos, wo die Rennstrecke verlaufen sollte, war alles irgendwie still und leer.
Beim Abendessen bemerkte seine Mutter, dass Ben nur lustlos in seinem Kartoffelbrei herumstocherte. „Was ist los, mein Großer?“, fragte sie sanft. Ben erzählte ihr alles – von Elias, von den Dinosauriern und davon, dass er glaubte, Lara nicht mehr wichtig zu sein.
Seine Mutter lächelte weise. „Weißt du, Ben“, sagte sie, „Freundschaft ist nicht wie ein Apfel, den man teilen muss, bis nichts mehr übrig bleibt. Freundschaft ist eher wie ein Garten. Wenn eine neue Blume gepflanzt wird, nimmt sie den alten Blumen nicht das Licht weg. Im Gegenteil: Der Garten wird bunter und schöner für alle.“

Ben dachte lange darüber nach. Er dachte an die vielen Jahre mit Lara. Sie hatten so viel erlebt. Konnte das alles einfach weg sein, nur weil sie jetzt auch Elias mochte? Am nächsten Morgen ging er mit einem klopfenden Herzen zur Schule. In seinem Rucksack hatte er etwas Besonderes dabei.
In der Pause suchte er Lara und Elias. Sie saßen im Sandkasten und versuchten, einen Vulkan zu bauen, der aber immer wieder einstürzte. Sie sahen ratlos aus.
Ben atmete tief durch und trat an sie heran. „Ihr braucht feuchten Sand von unten“, sagte er leise. „Und man muss Steine als Stützen einbauen.“
Lara sah auf und ein breites Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Ben! Hilfst du uns?“
Ben nickte und holte seine große Plastikschaufel aus dem Rucksack, die er extra mitgebracht hatte. „Ich habe auch noch meine alten Spielzeugautos dabei. Wir könnten eine Stadt um den Vulkan bauen, die evakuiert werden muss.“
Elias’ Augen leuchteten hinter seiner Brille. „Das ist eine super Idee! Ich habe meine Flugsaurier dabei, die können die Leute retten!“
Die drei spielten die ganze Pause zusammen. Ben merkte, dass Elias eigentlich ziemlich lustig war und tolle Geräusche machen konnte, wenn der Vulkan ‚ausbrach‘. Und das Beste war: Lara hielt immer noch seine Hand, als sie zurück ins Klassenzimmer gingen. Sie hatte ihn nicht vergessen. Sie hatte nur ihren Garten vergrößert.
Ben lernte an diesem Tag, dass man Menschen nicht besitzen kann. Echte Freundschaft bedeutet, sich für den anderen zu freuen, wenn er glücklich ist – auch wenn er mal mit jemand anderem lacht. Als sie am Nachmittag zu dritt unter dem alten Kirschbaum saßen, wusste Ben: Es war genug Platz für alle da. Und sein Herz fühlte sich plötzlich viel weiter an als zuvor.
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